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Loslassen – aber woran halte ich mich dann fest?


Loslassen. Ein Wort, das uns derzeit ständig begegnet.Ob zum Jahresende, zum Jahresanfang, bei Vollmond oder weil im chinesischen Kalender ein neuer Zyklus beginnt. Überall heißt es: „Lass los, was dir nicht mehr guttut.“

Doch je häufiger wir diesen Satz hören, desto deutlicher wird:Loslassen ist häufig leichter gesagt als getan.


Wenn etwas eindeutig nicht mehr dienlich ist, sprechen wir selten von Loslassen – wir ziehen einfach weiter. Die Herausforderung beginnt dort, wo wir einer inneren Verbundenheit begegnen.


Schließlich kennen doch einige die Vermeidung der schmerzlichen Erkenntnis, sich in dem Gegenüber so getäuscht zu haben und so viel in das Bestehen der Beziehung investiert zu haben. Wenn dann der andere geht, ist die Wut und Scham häufig umso größer. Und nach einiger Zeit die Erkenntnis, dass es doch eigentlich gut so ist.



Was hält uns immer wieder zurück?

In erster Linie geht es um Vermeidung. Vermeidung und Anerkennung der Realität. Weil wir glauben, den Schmerz nicht auszuhalten oder ansonsten nicht vollständig zu sein oder allein zurecht zu kommen. Oder weil wir denken, das ist, was wir wollen, ohne wirklich hineinzufühlen.


1. Einfluss unseres Gehirns

Wir sagen gern: Menschen sind Gewohnheitstiere. Das Gehirn bevorzugt Gewohntes gegenüber dem Unbekannten einfach nur, weil es, auch wenn es schädlich ist, kalkulierbarer ist. Bekannt. Gewohnte Strategien abgerufen werden können. Das Gehirn selbst kann nicht zwischen gut und schlecht bewerten.

Ebenso wird in Verhaltensforschung immer wieder deutlich: Verlust wird höher bewertet als gleichwertig Gutes. Denn das schützte vor Gefahren. In der Abwägung überwiegt der kalkulierte Aufwand des Festhaltens die Aussicht auf das potenziell Gute im ungewissen Loslassen. Festhalten erscheint kurzfristig weniger schadhaft.


2. emotionale Bindungssysteme

Menschen entwickeln emotionale Bindungen nicht nur zu Personen, sondern auch zu Routinen, Orten, Lebensphasen und sogar zu inneren Bildern ihrer Zukunft. Bindung gibt Halt & Sicherheit – auch dann, wenn sie uns schadet. Früher war die Bindung und Zugehörigkeit auch Überlebensschutz.


3. Identität & Glaubenssätze

Ein großer Einfluss entsteht durch Glaubenssätze und Identitätsempfinden. Denn auch wenn wir in der Schadensabwägung bereits am Punkt sind, loszulassen, halten viele Menschen weiter fest. Und das findet unbewusst statt. Sie knüpfen ihr Selbstbild, evtl sogar Selbstwert an andere Menschen, Ziele oder Rollen.


Loslassen kann Angst machen. Denn es zwingt uns, uns mit etwas auseinanderzusetzen, das wir bereits wissen, aber nicht wahrhaben „können“ - etwas loszulassen, von dem wir glauben, dass wir es brauchen, um okay zu sein.


Und das können eben Menschen, Routinen, Identitäten oder sogar verinnerlichte Selbstbilder sein. Auch die sonst freigelegte Wut und Scham können Angst machen. Wir halten fest an etwas, das nicht mehr ist, nie war oder nicht kommen wird, um der Angst nicht zu begegnen. Uns nicht zu begegnen. Wir vermeiden Schmerz.

Das reicht von Minderwertigkeitsgefühlen bis Verlustangst, Gefühl des Scheiterns, Kontrollverlust, Ängsten vor Bestrafung, dem Gefühl „es" allein nicht zu schaffen, dem Glaubenssatz/ Traumagefühl, man müsse für Gutes immer kämpfen, dem Paradoxon, genau den Dingen hinterher zu jagen, die man nicht haben kann,…die Hintergründe sind vielseitig.


4. fehlender Selbstkontakt

Die Frage "Was will ICH eigentlich?" können erschreckend wenige Menschen wirklich beantworten. Sie halten sich also entweder an anderen fest, orientieren sich an diesen, oder an gesellschaftlich anerkannten Jobs, Lebensmodellen usw.


5. Geschlechterrollen

Während Männer häufig mit dem Rollenverständnis des Versorgers zu kämpfen und kulturell bedingt oft wenig Zugang zu eigenen Emotionen haben, ist die

Herausforderung für Frauen besonders hoch. Geschlechterforschung und Sozialpsychologie zeigen:Frauen wurden zusätzlich kulturell häufig dazu erzogen,

  • emotional auszuhalten, ob eigene Emotionen oder die ihres Umfelds

  • niemandem zur Last zu fallen mit ihren Bedürfnissen und Emotionen

  • Beziehungen zu halten

  • Harmonie zu bewahren

  • Alles im Blick zu behalten und zu managen

Dies führt zu einer hohen dauerhaften mentalen Belastung und zu Überverantwortung in Bindungen. Das schürft das Gefühl, jemanden im Stich zu lassen oder „nicht stark genug“ zu sein, wenn sie sich selbst mal raus zieht und um sich kümmert. Loslässt.


Kosten des Festhaltens

Allerdings sind die Kosten des Festhaltens hoch. Dabei ist es egal, ob es ein nicht zu uns passendes Lebenskonzept oder eine einzelne Sache wie ein nicht mehr passender Job sind. Häufig sind wir bereits an dem Punkt, loslassen zu wollen - weil wir uns emotional erschöpft fühlen. Neben emotionaler und mentaler Überlastung, die bis ins Burnout oder in Depressionen führen können, lassen sich auch körperliche Stress-Symptome nachweisen: Die Muskelspannung steigt, der Atem wird flach, der Cortisolspiegel bleibt erhöht und das Nervensystem im Alarmzustand.


Häufig spricht der Körper bereits, was wir in Worten nicht ausdrücken können.

Der emotionale Stress und die Dauerbelastung des Nervensystems durch den großen Energieaufwand, die Bindung aufrecht zu erhalten, hinterlässt Spuren.


Nicht selten sind die Betroffenen sehr fahl, müde und kraft- oder energielos.

Auch körperliche Beschwerden wie ständige Magen-Darm-Beschwerden ohne richtige Ursache. Das Immunsystem ist ggf. geschwächt und häufige kleine Infekte sind die Folge. Nackenprobleme und Rückenschmerzen durch die dauerhafte ermüdete, angespannte Muskulatur signalisieren, dass wir uns zu viel aufladen.

In der Regel fühlt sich Leben oder die betroffene Situation oder Beziehung dann nur noch wie Funktionieren an.


Vor allem schauen wir gerade dann fast neidisch auf diejenigen, denen alles zuzufliegen scheint, die „im Flow“ sind. Die sich gut, zufrieden, lebendig fühlen.


„Wenn du im falschen Zug sitzt, steig aus. Je länger du wartest, desto teurer wird die Rückfahrt.“


Loslassen konfrontiert uns mit der Frage: Wenn ich das nicht mehr bin, wer bin ich dann? Und diese eröffnet gleichzeitig ganz viel Leere - oder ganz viel kreativen Raum, den du nutzen darfst!



Wir können nicht loslassen, was wir nicht zuvor angenommen haben

Wir dürfen erst einmal anerkennen, dass wir im falschen Zug sitzen. Vielleicht war es sogar mal der richtige. Wir dürfen ebenso anerkennen, dass wir uns durch die Vermeidung des Hinsehens geschützt haben, da wir zu dem Zeitpunkt nicht anders wählen konnten. Wenn der Schmerz oder die Hürde tatsächlich zu groß war oder wir situativ bedingt keine anderen Auswege hatten. Oder bspw. der Job mal passte, aber wir uns eben weiterentwickelt haben. Es geht nicht um Schuld, sondern um Optionen und Bereitschaft. Du wirst spüren, wenn es an der Zeit ist.


Aber solange wir nicht anerkennen, dass wir in der Regel selbst Einfluss haben, wir selbst es sind die Festhalten an etwas das nicht ist oder nur mit viel Aufwand bestehen bleibt, solange wir nicht bewusst sind, dass auch wir diese Bindung aufrecht halten - und das wir selbst es sind, die ebenso loslassen und aus der Bindung gehen können, können wir nicht bewusst loslassen.


Loszulassen, heißt, etwas Sein zu lassen. Die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind. Die radikale Akzeptanz der Realität. Dessen, was IST. Und das ist in der Regel schon die erste große Herausforderung. Denn häufig liegt es eine Ebene tiefer, wieso wir eigentlich festhalten. Entweder jagen wir einer Illusion hinterher, die nie war, oder einer Illusion, die nicht sein wird. In jedem Fall wollen wir etwas vermeiden: Die schmerzliche Erkenntnis.



Tatsachen bleiben bestehen, auch wenn wir die Augen verschließen. Akzeptanz bedeutet, die Realität anzuerkennen, mit all ihren Konsequenzen. Auch die Realität dessen, was ICH will. Nicht, was ich glaube, was ich wollen sollte.

Es heißt nicht, das alles so hingenommen wird als dauerhaften Zustand. Aber nur, wenn ich hinschaue, was ist, kann ich auch genau da ansetzen und Veränderung gestalten. Alles andere ist wünschen und hoffen und schürt weiter Sehnsucht und Schmerz.


Bevor wir etwas loslassen können, müssen wir es also annehmen. Hinsehen. Nicht nut mental. Sondern im Herzen. Und das ist der schwierigere Schritt. Loslassen ist kein Abstoßen, sondern ein aktives Auflösen der Bindung und dazugehöriger Emotionen. In dem Moment, in dem wir den Widerstand auflösen, lassen wir den Schmerz und alle blockierten Emotionen rein.



Der Moment der Kapitulation

In dem Moment, in dem wir akzeptieren, dass etwas nicht ist, bricht oft der volle Schmerz hervor. Viele Menschen berichten: „Es tut erst richtig weh, wenn ich akzeptiere, wie es ist.“ Die Angst davor, dass der Schmerz überwältigend ist, ist groß. Suche dir gerne Unterstützung. Das ist nicht peinlich, es geht mehr Menschen gleich als du denkst. Und das kann manchmal  bei Freunden und Familie reichen. Gute Alternativen sind Coaching, oder die Therapie.


Denn wie gesagt: Vielmehr als die Sache selbst verlieren wir in der Regel Orientierung, Gewohnheit, Sicherheitsgefühle, vertraute Rollen, teilweise Identität oder das Bild von uns selbst. Aber mache dir bewusst, wie viel Kapazität darein fließt, abzuwehren, die eigene Illusion aufrecht zu erhalten. Es kommt zum Emotional Release. Die gebundenen Emotionen werden frei. Die Ängste, Sorgen, Glaubenssätze und tiefen Emotionen kommen hervor, das was wir solange vermieden haben anzusehen, weil wir es als negativ oder überwältigend beurteilen. Aber mache dir bewusst: Diese Energie, die wir zum Festhalten, zum Aufrechterhalten, zum Vermeiden genutzt haben, wird dann frei. Für dich.


Was passiert mit einem Boot im Hafen, wenn der Wind stark weht? Es tanzt auf dem Wasser, unruhig, viel Spannung auf den Seilen, die es halten. Was passiert, wenn wir diese loslassen, das Boot aufs Wasser geht und die Segel setzt?



Loslassen - aber wie?

Emotionale Verarbeitung braucht die Körperempfindung, nicht nur die kognitive Analyse. Neurowissenschaftlich gesehen schalten wir in diesem Moment vom Fight-or-Flight (Vermeidung) in den Rest-and-Digest (Verarbeitung)-Modus des Nervensystems. Damit kann die Heilung beginnen. Die Kapazität der Vermeidung fließt nun in die Verarbeitung. Der Körper verarbeitet Stresshormone, löst muskuläre Schutzspannungen und reguliert das limbische System. Was folgt, ist das, was wir vorher nicht sehen:

Loslassen schafft Raum und setzt gehaltene Energie frei, die wir neu nutzen dürfen. Loslassen, die Dissonanz aufzulösen, aktiviert auch den Parasympathikus – den Teil des Nervensystems, der für Beruhigung sorgt.


Psychisch:
  • weniger Grübeln

  • geringere Angst

  • verbesserte Selbstwahrnehmung

  • mehr Klarheit & Entscheidungsfähigkeit

  • Innere Freiheit

Emotional:
  • Angst reduziert sich

  • Trauer bewegt sich (statt uns taub fühlen zu lassen)

  • Wut und Scham werden sichtbar und können gelöst werden

  • Freude kehrt zurück

Körperlich:
  • Blutdruck und Herzfrequent entlastet

  • Vertiefter Atem

  • besserer Schlaf

  • reduzierte Stresshormone

  • Muskeltonus lässt nach

  • Mehr Energie


Loslassen können wir üben, da es immer den gleichen Abläufen folgt. Im Bewusstsein, es geht weiter, meistens besser, auch wenn wir den Horizont noch nicht sehen können.


1. Hinsehen & verstehen

2. Akzeptieren

3. Kapitulation (Emotional Release)

4. Nervensystem beruhigen

5. Perspektive schaffen


Je nachdem, wie groß sich das Loslassen anfühlt, kann es sinnvoll sein, sich Unterstützung zu suchen.

Gerade, wenn es darum geht, Verhaltensmuster, ungesunde Beziehungen aufzulösen oder wenn du feststellst, immer wieder am gleichen Punkt zu „scheitern“.


In der Regel hilft es uns, wenn wir verstehen, wieso und woran wir tatsächlich festhalten, was wir darin suchten. Und dass wir nicht allein sind.


Baue deinen inneren Kompass

Woran halte ich mich denn dann fest, fragst du dich? An dir! Und das ist genug. Du bist genug :)


Da das Loslassen ein oft schmerzhafter Veränderungsprozess ist, werden wir auch immer wieder an den Punkt kommen, einfach zurück gehen zu wollen, ins Gewohnte. Es hilft also auch die Auseinandersetzung mit uns selbst. Mit deinem Wert und deinen Werten. Welche Bedürfnisse und Stärken du hast. So können wir uns mit den Vorteilen und Perspektiven verbinden statt mit der Verlustangst und auf Kurs bleiben, wenn es mal wieder etwas stürmisch wird.


Es schafft Vertrauen in den Prozess, in dich selbst, in das was kommt, weil wir uns bewusster sind, dass wir die inneren Werkzeuge besitzen.

Darüber zu sprechen, kann Verbundenheit schaffen. Nicht selten stellen wir fest, dass die Scham unbegründet war und andere ähnliche Gefühle, Sorgen, Ängste und Bedürfnisse hegen.


Dein Nervensystem spiegelt dir, ob du auf Kurs bist. Atmung, Körperarbeit und Vagusnerv-Aktivierung unterstützen den Prozess, fördern das Auflösen körperlicher und emotionaler Spannungen, bringen Klarheit und Halt.


Der Körper hält viele Emotionen, besonders auf faszialer Ebene. Wir können also kognitiv noch so sehr verstehen, aufarbeiten und neuorientierten, wir dürfen aber auch unserem Körper und unserer Seele signalisieren, dass sie loslassen dürfen und die Spannung abfallen darf.


Hier können wir unseren Körper gut unterstützen, das Nervensystem beruhigen, in uns Halt und Perspektiven finden:


  • Stressabbau beim Sport

  • Yin-Yoga (Faszien-fokussierte Yoga-Form)

  • Spannungen

  • Bewegung im und am Wasser

  • Werte &Perspektivenarbeit im Coaching

  • Meditation

  • Dinge, Aktivitäten, die dich gut fühlen lassen, um positive Orientierung zu schaffen und Energie aufzutanken.


Über die Bedeutung von Meditation und Yin Yoga spreche ich an anderer Stelle ausführlicher :)


Loslassen heißt, sich dem hinzugeben was fließt und darin die Segel zu setzen.

Surrender and flow. Zu dem, was echt ist. Zu dem, was bleibt.Zu dem, was entstehen will.


Und falls du noch zögerst, ich mag folgendes Zitat:


„What if I fall?“ - „Oh dear, what if you fly?“














📚 Quellenverzeichnis

  • Bowlby, J. (1988). A Secure Base.

  • Breakwell, G. M. (1986). Coping with Threatened Identities.

  • Kahneman, D., & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk.

  • Hayes, S. C., Strosahl, K., & Wilson, K. (2012). Acceptance and Commitment Therapy.

  • Linehan, M. (1993). Skills Training Manual for Treating Borderline Personality Disorder.

  • Porges, S. (2011). The Polyvagal Theory.

  • Schore, A. N. (2012). The Science of the Art of Psychotherapy.

  • Farb, N. et al. (2012). Mindfulness Training and the Regulation of Neural Activity.

  • Bishop, S. et al. (2004). Mindfulness: A Proposed Operational Definition.

  • Coan, J. (2006). Toward a Neuroscience of Attachment.








 
 
 

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